100 Jahre Bärenreiter-Verlag

Bärenreiter, ein führender deutscher Verlag für klassische Musik, wurde 1923 vom damals zwanzigjährigen Karl Vötterle in Augsburg gegründet. 1927 wurde der Firmensitz nach Kassel verlegt. In seinen Anfängen war er eng mit dem „Wandervogel“, der populären, in zahlreichen „Bünden“ organisierten Jugendmusikbewegung, verbunden. Das heutige Verlagsprogramm mit seinen Gesamtausgaben und Werken vom Barock bis zur Gegenwart entstand erst im Lauf der Jahre.

Das folgende Intrview mit Barbara Scheuch-Vötterle, der Tochter des Verlagsgründers, und ihrem Sohn Clemens Scheuch wurde am 7. August 2023 via Zoom geführt. Zusammen mit Ehemann Leonhard Scheuch bilden sie die Geschäftsführung des Unternehmens mit rund hundert Angestellten.

Die Bärenreiter-Familie
Die Bärenreiter-Familie: Barbara Scheuch-Vötterle, Clemens Scheuch, Leonhard Scheuch (v.l.n.r.)

Bärenreiter ist ein Familienunternehmen. Was ist der Unterschied zu einem Verlag mit mehreren Eigentümern?

Barbara Scheuch: Es ist ganz einfach: Je mehr Gesellschafter Sie haben, umso mehr Probleme gibt es. Die meisten wollen doch nur Geld sehen. Und wenn Sie einen externen Geschäftsführer haben, will der natürlich viele schwarze Zahlen schreiben. Er sucht den schnellen Profit, in fünf Jahren ist der Betrieb dann am Boden und er ist weitergezogen. Das ist bei einem Familienunternehmen ganz anders. In einem Musikverlag kalkuliert man ohnehin langfristig. Gerade im Bereich der zeitgenössischen Musik ist erst einmal Investieren angesagt, man ist praktisch ein Mäzen für die jungen Komponisten.

Clemens Scheuch: Als Familienbetrieb ist es unsere Aufgabe, das Unternehmen auch für die nächsten Generationen fit zu halten. Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle.

Wie sieht denn Ihre Ertragsstruktur aus?

Clemens Scheuch: Wir machen achtzig Prozent unseres Umsatzes mit zehn, fünfzehn Prozent unseres Katalogs, und mit diesen Einnahmen können wir den ganzen Katalog am Leben erhalten, revidieren und erweitern. Wir müssen natürlich auch auf die wirtschaftlichen Zahlen achten, aber die spezifische Aufgabe eines Musikverlegers besteht darin, einen Katalog zu entwickeln und sich in neue editorische Bereiche voranzutasten, neue Trends zu erkennen und mit anzustoßen. Diese Ziele können wir nur erreichen, wenn wir mit Mischkalkulationen arbeiten und auch ins Risiko gehen.

Haben Sie ein Beispiel für solche Trends?

Clemens Scheuch: Ich denke, an der Wiederentdeckung von Händels Opernschaffen waren wir wesentlich beteiligt. Auch die 1996 begonnene kritische Neuausgabe der Beethoven-Sinfonien von Jonathan Del Mar hat eine neue Sicht auf die Werke ermöglicht. Die Arbeit an solchen wissenschaftlich fundierten Editionen kann Jahre bis Jahrzehnte dauern.

Wie spielt sich die ab?

In enger Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten und Musikwissenschaftlern wird das Werk von allen Fehlern und Änderungen, die im Laufe der Zeit hinzugekommen sind, befreit und der ursprüngliche Komponistenwille wiederhergestellt, wobei sämtliche Schritte klar belegt und nachvollziehbar dokumentiert werden.  Die Ergebnisse werden dann unter der Marke „Bärenreiter Urtext“ als quellenkritische Ausgaben für die musikalische Praxis aufbereitet, um den Musikerinnen und Musikern die bestmögliche Basis für ihre eigene Interpretation zu liefern.

Die erste Publikation des Bärenreiter-Verlags war 1923 das Lied “Auf, du junger Wandersmann”. Ein Startschuss mit Symbolcharakter.

Barbara Scheuch: Karl Vötterle, mein Vater, hat das völlig naiv angegangen, von Publizieren konnte damals in Zeit der großen Wirtschaftskrise nicht die Rede sein. Er fertigte für seine Freunde von der Singgemeinde ein kleines Heftchen mit Liedern an; die Blätter wurden hektografiert, gelocht und auf dem Küchentisch meiner Großeltern mit Schnürchen versehen. Der Vorschuss seiner Freunde war das Startkapital. Auch mein Großvater half mit, indem er das Heu aus seinem Schrebergarten verkaufte. Niemand dachte, dass daraus später ein solcher Verlag entstünde.

Und woher kommt der Name Bärenreiter?

Man wollte den Familiennamen vermeiden und orientierte sich an Alkor, dem „Reiterlein“ im Sternbild des Großen Bären, als Symbol von etwas Unerreichbarem, auf das sich gleichwohl die Blicke heften. Es gibt heute bei uns auch die Alkor-Edition, sie umfasst den Bereich Bühnen- und Orchesterwerke.

Die Publikation von Gebrauchsmusik für die Jugendmusikbewegung war das Standbein des aufstrebenden Verlags. Wann kamen die heutigen Geschäftsfelder dazu?

Clemens Scheuch: Man hat zunächst einfach laufend Neues ausprobiert. Erst kam Chormusik dazu, dann Hausmusik, Noten für Blockflöte und Orgel und auch Zeitschriften. Die Großprojekte wie die Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ und die Gesamtausgaben setzten erst nach dem Krieg ein.

Die Jugendmusikbewegung, in die Bärenreiter eingebettet war, wurde in der Nazizeit zum größten Teil in die Hitlerjugend überführt. Welche Konsequenzen hatte das für den Verlag?

Barbara Scheuch: Mein Vater hatte auch den Stauda-Verlag und theologische Zeitschriften. Weil hier auch kritische Artikel erschienen und seine Nähe zur evangelischen Kirche den Nazis ohnehin ein Dorn im Auge war, bekam er Berufsverbot und hatte einen Treuhänder im Verlag. Um das Fortbestehen des Verlages zu sichern, wurden auch Ausgaben von Naziliedern veröffentlicht.

Haben Sie diese Probleme verlagsoffiziell aufgearbeitet?

Wir sind immer offen damit umgegangen. Zum fünfundsiebzigjährigen Verlagsjubiläum beauftragten wir einen Historiker, diese Phase kritisch zu durchleuchten.

Wann haben sie die Verlagsleitung übernommen? War das langfristig geplant?

Für mich stand eigentlich sehr früh fest, dass ich in irgendeiner Form im Verlag mitarbeiten würde. Als ich dann in Göttingen studierte, bekam mein Vater einen Schlaganfall und alles ging sehr schnell. Er konnte mich noch zwei, drei Jahre einarbeiten, dann starb er 1975. Zusammen mit meinem Mann Leonhard Scheuch, den ich im Jahr davor kennengelernt hatte, übernahm ich dann die Geschäftsleitung.

Wie sah der Verlag aus, den Sie übernahmen?

Die ganze Struktur war veraltet, es gab noch nicht einmal Kostenstellen. Als wir eine Unternehmensberatung ins Haus holten, kam heraus, dass einzelne Verlagsbereiche defizitär arbeiteten. Wir trennten uns in der Folge von allem, was nicht zum Kerngeschäft gehörte: Theologie, Schauspiel, Schallplatten; die Druckerei mussten wir schließen. Wir haben auch meine beiden Schwestern ausbezahlt, so dass wir jetzt keine Kommanditisten mehr im Haus haben.

Und wann sind Sie, Herr Scheuch, in den Verlag eingestiegen?

Clemens Scheuch: Das ging schrittweise. Schon während meinem Studium hatte ich mich in den Bereich Vertrieb und Logistik eingearbeitet und war dann mehrere Jahre Mitglied der Geschäftsleitung. Seit 2022 bin ich nun der dritte Geschäftsführer neben meinen Eltern und habe auch das Tagesgeschäft in der Hand.

Die letzten Jahrzehnte waren für die Verlage nicht einfach, denkt man an das Problem mit den Schwarzkopien, erst im Papiergeschäft, dann digital. Wie ist Bärenreiter damit umgegangen?

Barbara Scheuch: Das war zu Beginn ein schwerer Schlag, vor allem in der Chormusik. Jemand bestellte ein Exemplar und kopierte das dann für -zig Chormitglieder. Wir begegneten dem auf dreifache Weise: Mit Aufklärungsarbeit, mit administrativen Mitteln wie der Abnahmepflicht von Mindestmengen und bei gravierender Verletzung des Copyrights durch rechtliche Schritte.

Und jetzt die Corona. Wie haben Sie die Pandemie überstanden?

Barbara Scheuch: Im Moment, als die Opernhäuser geschlossen wurden und keine Konzerte mehr stattfanden, brach von heute auf morgen der Umsatz bis zu achtzig Prozent ein. Aber das hat unser Sohn sehr gut gemeistert.

Clemens Scheuch: Das Unterstützungsprogramm „Neustart Kultur“ des Bundes hat uns geholfen, vor allem aber die Kurzarbeit. Die ganze Belegschaft hielt zusammen, das war eine fantastische Erfahrung.

Wie schätzen Sie die aktuellen Geschäftsaussichten bei Bärenreiter ein?

Clemens Scheuch: Es folgten ja leider gleich weitere Krisen. Aber die Zahlen, die jetzt für Juli vorliegen, lassen hoffen, dass wir das Jahr mit 85 bis 90 Prozent des Volumens von 2019 abschließen können. In Anbetracht der Lage wäre das ein sehr gutes Ergebnis und lässt für die Zukunft hoffen.

Ein auf diesem Interview basierendes Porträt des Verlags ist im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12.8.2023, S. 27, erschienen.

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