Das Lucerne Festival öffnet sich

Das Lucerne Festival versucht seit einiger Zeit, vom Image des elitären, hochpreisigen Klassikfestivals wegzukommen und sich mit neuen Programmelementen neue und jüngere Publikumssegmente zu erschließen. Der bisher konsequenteste Schritt in dieser Strategie war nun der Jahrgang 2022 mit dem Festivalthema „Diversity“.

Bei der Wahl dieses Themas vor rund zwei Jahren ahnten die Verantwortlichen wohl nicht, welche Karriere das Modewort alsbald machen würde. Nach zwei Pandemiejahren und hochschwappenden Rassismus- und Genderdiskussionen haben sich daraus begriffliche Minenfelder entwickelt. Dem Festival schien es indes nicht zu schaden. Die Idee, den – wie es Intendant Michael Haefliger ausdrückt – Kanon der immergleichen Werke und Komponisten auf spielerische Weise zu erweitern, fand Zustimmung; das populistisch anmutende Thema wurde von der Publikumsmehrheit offenbar vor allem unter dem Aspekt eines konsensualen Pluralismus wahrgenommen. Freundliche Neugierde und Toleranz dominierten.

Damit öffnete das Lucerne Festival einen Zugang ins Neuland und gab einer breiten Vielfalt bisher ausgesperrter kultureller Erscheinungen die Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Die Resultate waren erwartungsgemäß sehr unterschiedlich. Doch insgesamt wirkte der frische Wind, der in die hochkulturelle Schutzzone hineinwehte, durchaus wohltuend.

Die Suppe wurde also nicht so heiß gegessen, wie sie aufgewärmt wurde, der Schwenk hin zu einem Zeitgeistphänomen ohne großes Stolpern vollzogen. Doch sollte das der Auftakt zu einem grundsätzlichen Imagewechsel gewesen sein, wäre Vorsicht am Platz. Zweifellos muss jeder Veranstalter attraktiv bleiben, um zu überleben. Aber wenn der Fokus sich zu sehr vom „Kanon“ auf die gerade aktuellen Trends verlagern würde, wenn der Event- und Entertainmentaspekt überhand nähme, könnte es kritisch werden. Ein Traditionsfestival wie dasjenige in Luzern hätte beim andauernden Eintauchen in die seichten Gewässer der Tagesparolen viel zu verlieren.

Das Tristan-Vorspiel auf brasilianisch

Dem Eröffnungstag vorangestellt war eine Serie von Konzerten mit internationalen Jugendorchestern. Das von der Bratschistin Jennifer Stumm geleitete brasilianische Streichorchester Ilumina mischte in seinem durchkomponierten Programm locker europäische Werke mit Elementen aus der brasilianischen Popularmusik.

Eine Einlage auf dem Berimbau, einst das Anfeuerungsinstrument für den schwarzen Kampftanz Capoeira, stand neben Schumann, ein Schlag auf die Candomblé-Trommel leitete das Schluss-Allegro aus Beethovens Streichquartett in cis-Moll ein, und nach dem jugendfrisch gespielten, mit choreografischen Elementen angereicherten Tristan-Vorspiel sang der unvergleichliche Mark Padmore, der zuvor unauffällig im Bühnenhintergrund auf seinen Auftritt gewartet hatte, den Rimbaud-Zyklus Les Illuminations von Benjamin Britten.

Das alles passte auf wundersame Art zusammen. Für europäische Puristen ist das wohl ein Graus, aus der Sicht einer Gesellschaft, wo Musik noch als elementare Lebensäußerung verstanden wird, jedoch völlig normal. Die Klammer ist die vitale, akademisch unvorbelastete Musizierpraxis, wie sie nur in einer traditionell durchmischten Gesellschaft wie der brasilianischen möglich ist.

Ein „nichtweißes“ Orchester

Zum Vorprogramm gehörte auch das englische Kammerorchester mit dem signalhaften Namen „Chineke!“. Leiterin des ausschließlich aus „Nichtweißen“ bestehenden Ensembles ist die Kontrabassistin Chi-chi Nwanoku, Tochter irisch-nigerianischer Eltern. Ihr fiel auch die Ehre zu, beim Eröffnungsakt des Festivals die Festrede zu halten. Als gewiefte Minderheiten-Lobbyistin nutzte sie die Gelegenheit, mit Nachdruck eine größere Präsenz sogenannter People of Color – oder PoC, wie das unschöne Kürzel unter Gleichgesinnten lautet – in den Sinfonieorchestern einzufordern.

Wer hätte etwas dagegen? Nwanoku selbst ist als erfolgreiche Kontrabassistin das beste Beispiel für Integration. Der erschwerte Zugang zur Ausbildung, auf den sie zu Recht hinweist, ist aber ein soziales und kein rassistisches Problem; die Kinder weißer Hartz-4-Empfänger sind davon genauso betroffen wie schwarze Jugendliche aus Problemvierteln. Nwanoku machte zudem den Fehler aller Missionare, die Interessen ihrer eigenen Gruppe zu verabsolutieren. Die vielen asiatischen Menschen, die bestens in unser Musikleben integriert sind, kommen in ihrem Weltbild bestenfalls am Rande vor.

Minderheitenmusik

Ein Schwerpunkt war der Musik schwarzer Minderheiten gewidmet, gleichsam als schweizerisches Echo auf die amerikanische Rasseproblematik. Geglücktes stand neben Missglücktem, lohnenswerte Entdeckungen wie die Erste Sinfonie von Florence Price neben Unausgegorenem wie dem mit Schlagzeugimprovisation angereicherten Streichquartett von Tyshawn Sorey.

Der „Artiste Étoile“ aus New York, der sich in seiner eigenen Haut erklärtermaßen nicht wohlfühlt, wurde präsentiert als Vertreter der sexuellen Minderheiten und der Genderideologie made in USA. Mit dem Streichquartett suchte er seinen eigenen Ton – und offensichtlich auch seine Identität – im Fahrwasser der minimalistischen Partituren von Morton Feldman, was nur schiefgehen konnte. Begeisterung entfachte hingegen die lebens- und berufserfahrene Südafrikanerin Golda Schultz mit Liedern komponierender Frauen von Clara Schumann bis heute; der renommierten Opernsängerin liegt indes das neuere Schaffen erkennbar näher als das romantische Lied.

Komponistinnenförderung in der Festival Academy

Neben den Orchestergastspielen und themenbezogenen Konzerten bildet die Lucerne Festival Academy traditionell einen gewichtigen Schwerpunkt. Für das Kompositionsseminar wurden diesmal aus hundertvierunddreißig eingereichten Partituren acht – darunter sechs von Frauen – ausgewählt und im Laufe der dreiwöchigen Kurse ausgearbeitet. Der Reigen der erfrischend vielfältigen und ideenreichen Stücke wurde von Mitgliedern der Internationalen Ensemble Modern Academy aus Frankfurt und mit vier Nachwuchsdirigentinnen und -dirigenten uraufgeführt. Leiter der Kompositionskurse sind schon seit längerem Wolfgang Rihm und sein schweizerischer Adept Dieter Ammann. In den Schlusskonzerten kommentierten sie im geistreichen Dialog die Werke, wobei Rihm allerdings keinen Zweifel daran ließ, wer hier Koch und wer Kellner ist.

Das Lucerne Festival Contemporary Orchestra

Die instrumentalen Aktivitäten der Festival Academy gipfelten in dem von Sylvain Cambreling geleiteten Schlusskonzert des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO); dessen Mitglieder sind alle einmal durch die von Pierre Boulez und seinem Nachfolger Rihm geleitete Academy hindurchgegangen.

Lucerne Festival Contemporary Orchestra
Das LFCO bei der Probe mit Sylvain Cambreling | © Max Nyffeler

Das exzellente Nachwuchsorchester ist auf dem besten Weg, zu einem internationalen Player im Bereich der Gegenwartsmusik zu werden. Mit dem jetzigen Konzertprogramm, einer Uraufführung von Bettina Skrzypczak und zwei älteren Werken von Rihm und Ammann, gastierte es nun auch in der Kölner Philharmonie.

Wolfgang Rihm: Sub-Kontur, ein beinahe prophetisches Werk

Im Zentrum stand das monströse Orchesterwerk Sub-Kontur, vollendet 1975 vom damals dreiundzwanzigjährigen Rihm und ein Jahr später in Donaueschingen zur skandalumwitterten Uraufführung gebracht. Beim Hören der entfesselten, die Zuhörer frontal attackierenden Klanggewalten verschlägt es einem auch heute noch den Atem, und angesichts des aktuellen Weltgeschehens wecken sie zudem erschreckende Kriegsassoziationen. Aus heutiger Sicht erscheint das Werk wie die Prophetie der fast fünf Jahrzehnte später eintretenden europäischen Katastrophe, geschrieben zu einer Zeit, als sich die zeitgenössische Musik noch unter der Glasglocke einer die Realitäten erfolgreich verdrängenden Gesellschaft entwickeln durfte.

Dieter Ammann: Spiegel der hedonistischen Gegenwart

Nach einem derartigen Statement wächst in der Regel kein Gras mehr. Auch die drei nach der Pause folgenden, vor rund zwei Jahrzehnten komponierten Orchesterstücke von Dieter Ammann hatten da keinen leichten Stand. Der Sechzigjährige ist seit einigen Jahren – nicht zuletzt dank der Unterstützung des Lucerne Festivals – der Shooting Star unter den Schweizer Komponisten, von der heimischen Kritik hochgelobt.

Ammann hält sich mit Paukendonner, abrupten Brüchen und Ansätzen zu klanglicher Überladung an die Kontrast- und Überraschungsdramaturgie in den Werken seines Vorbilds Rihm, glättet dann aber deren elektrisierende Binnenspannung zum attraktiven Klangdesign. Die Orchestergruppen werden geschickt zu einem bunten Klangfarbenmenü zusammengemischt, übersichtliche Formverläufe und vertraute Hörmuster dominieren das Erscheinungsbild. Komponiert ist das alles mit einem Seitenblick auf das Publikum und wird von diesem auch honoriert. Ammann trifft zweifellos einen Nerv vor allem der Anhänger eines breit gefächerten urbanen Kulturbegriffs.

In der materialistisch eingestellten Freizeitgesellschaft haben sich die Erwartungen und Hörgewohnheiten des Publikums vernehmbar verändert, und da ist Ammanns üppig aufgetischte Klangmahlzeit gerade das Richtige. Auf der ästhetischen Ebene hingegen stellt sich beim Vergleich von Rihm mit seinem Schüler ein zwiespältiger Eindruck ein. Man wird Zeuge der Verwandlung einer einst kompromisslosen Ausdrucksästhetik in eine postmoderne, den Wohlstandshedonismus vergangener Tage konservierende Gefälligkeitsästhetik.

Bettina Skrzypczak: Vortasten in eine ungesicherte Zukunft

Den Kontrapunkt zu den beiden unterschiedlich gelagerten Retrospektiven lieferte die in Basel lebende Bettina Skrzypczak mit ihrem brandneuen Orchesterstück Contra. Der Titel signalisiert hier nicht politischen Protest, sondern steht für ein Gegenparadigma zum allgemeinen Überbietungswettbewerb des Größer, Besser und immer Mehr, der heute spürbar an seine Grenzen stößt.

Die Komposition tastet sich vor in die Klangwelt einer ungesicherten Zukunft, die für Hellhörige wie Skrzypczak bereits ihre Spuren in der Gegenwart zeigt. Ein instabiler, mikrotonal ausfasernder Tritonusklang geistert durch das ganze Werk; er lädt es mit einer hintergründigen Dauerspannung auf und erzeugt ein zwischen sinnlicher Lockung, Klage und Zukunftsahnung vieldeutig oszillierendes Ausdrucksgemisch. Überfallartig einsetzende Schlagzeuggewitter bilden dazu einen harten Kontrast, dunkle, geheimnisvolle Bläserakkorde lassen die Zeit stillstehen und öffnen eine Perspektive in noch unbekannte Dimensionen.

Was Luigi Nono einst in seinem Prometeo unvergleichlich vorgemacht hat, wird hier vor dem Hintergrund der brüchig gewordenen Gegenwart andeutungsweise neu formuliert: der Entwurf einer schwachen, ungewissen Utopie in einer Welt der Gewalt. Das alles erschließt sich freilich nur dem genauen Zuhören. Und hier liegt denn auch der Schlüssel zum Verständnis dieses rätselhaften Werks, das mit den neuen Möglichkeiten eines kritischen Zeitbezugs subtil zu spielen versteht.

Eine kürzere Printfassung ist am 7.9.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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