Francesco Piemontesi.
Ein Portrait

Francesco Piemontesi spielt Mozart

Francesco Piemontesi, 1983 in Locarno geboren, ist einer der vielseitigsten Pianisten seiner Generation: International gefragter Solist mit einem Repertoire vom Barock bis in die Gegenwart, Darsteller und Co-Autor in einem bemerkenswerten Musikfilm und bis vor kurzem Festivalintendant mit einem Sinn für erlesene Programme.

Kleines Selbstportrait des Schweizer Kulturpreisträgers Francesco Piemontesi (2020)

Vor einiger Zeit hat Francesco Piemontesi ein großes Brahms-Projekt in Angriff genommen. Die Beschäftigung mit seiner Musik ist für ihn eine nie endende Entdeckungsreise. Über die Intermezzi op. 117 sagt er: „Wenn man die Partitur liest, und das mache ich zuerst ohne Klavier, dann kann man nur staunen, wie diese Stücke konstruiert sind“.

Francesco Piemontesi: CD Brahms

Die drei Intermezzi sind auf seiner im September 2025 erschienenen CD zu hören, neben dem zweiten Klavierkonzert von Brahms. (Pentatone 5187461). Die Veröffentlichung des ersten ist für 2026 geplant. „Das alles ist unfassbar gekonnt, jede Phrase ist austariert, die Form mit ihren Höhe- und Tiefpunkten folgt einer zwingenden Logik.“

Interpretation beginnt für Francesco Piemontesi lange bevor er sich ans Klavier setzt. Das betrifft nicht nur das Partiturstudium. Im Fall von Brahms hat er die Briefe des Komponisten gelesen, er kennt die Berichte von Zeitzeugen über seine strengen Unterrichtsmethoden und bewundert sein Geschichtsbewusstsein: „Auf der Subskriptionsliste der ersten Bach-Ausgabe steht ganz oben: Dr. Johannes Brahms. Darin zeigt sich sein profundes Interesse an der Alten Musik und ihren Konstruktionsprinzipien, an Fuge und Kontrapunkt. Solche biografischen Hintergründe sollte man als Brahms-Interpret unbedingt kennen.“

Das Klavierkonzert mit seinen schweren Tuttipassagen klingt bei Piemontesi und dem Gewandhausorchester Leipzig unter Manfred Honeck pathosfrei, und ein zügiges Tempo verbindet sich mit einer an Debussy geschulten Anschlagskultur, die er bei der französischen Pianistin Cécile Ousset gelernt hat. Strukturelle Klarheit und technische Brillanz verschmelzen zu einer Einheit.

Der langsame dritte Satz mit der weit ausladenden Melodie des Solocellos, der in zahlreichen Aufnahmen enorm gefühlsschwer daherkommt, erhält bei Piemontesi einen objektiven, gleichwohl verinnerlichen Charakter; der enigmatische Mittelteil in Fis-Dur wird mit geradezu mystischen Klängen eingeleitet. Der Satz ist bei ihm bis zu drei Minuten wenige lang als bei vielen heutigen Klaviergrössen. Gleichgesinnte, was die Dauer angeht, findet er in Marc-André Hamelin, Wilhelm Backhaus (Stuttgart 1959) und seinem Lehrer Alfred Brendel.

Herausforderung Schönberg
Schoenberg, Klavierkonzert mit Francesco Piemontesi

Kenntnis des historischen Kontexts und eine genaue Analyse des Notentextes sind für Piemontesi unerlässliche Voraussetzungen jeder Interpretation. Beim Klavierkonzert von Arnold Schönberg, das er mit dem Konzert in G-Dur von Maurice Ravel und den Oiseaux exotiques von Olivier Messiaen eingespielt hat, war das besonders wichtig, sagt Piemontesi. (Orchestre de la Suisse Romande, Ltg. Jonathan Nott, Pentatone 5186949)

„Das Werk ist sehr sperrig, auch zum Hören. Aber ich liebe es ungemein und habe es ohne äusseren Anlass gelernt. Pianistisch ist vieles abstrus, und gegen meine Gewohnheit musste ich laufend Fingersätze hineinschreiben, vor allem für die linke Hand. Ich habe nur zwei Hände, aber es gibt Stellen, da dachte ich, da muss ich jetzt auch mit der Nase spielen.“

Weil es noch keine kritische Ausgabe gibt, musste Piemontesi anhand des Autographs und der Skizzen – die Kopien wurden ihm vom Arnold Schoenberg Center in Wien zur Verfügung gestellt – einige Editionsarbeit leisten und im gedruckten Notentext bei den Zwölftonreihen zahllose Fehler korrigieren.

Solche Herausforderungen sind ganz nach Piemontesis Geschmack. Gratwanderungen liebt er auch auf der technischen Ebene, sei es nun das virtuose zweite Klavierkonzert von Beat Furrer, das er im September 2025 in Genf uraufführte, seien es die zwölf horrend schwierigen Études d’exécution transcendante von Franz Liszt. Sie sind zusammen mit der h-Moll-Sonate ebenfalls bei seinem Label Pentatone erschienen (5187052).

Études d’exécution transcendante: Feux follets
Die Körperlichkeit des Klangs

Der intellektuelle Zugang zum Werk ist für Piemontesi nur eine Seite. Die andere ist sein intrinsisches Klangempfinden. Ein neues Stück weckt in ihm sofort eine bestimmte Klangvorstellung, und erst danach folgen Überlegungen zur Gestaltung von Form, Dynamik oder Tempo. Der Klang, sagt er, habe für ihn etwas Räumliches, etwas geradezu Körperliches. Schon als Kind habe er am Klavier einzelne Töne angeschlagen, sich in sie vertieft und ihrem Verklingen nachgehört. Er fragt: „Wie viel Raum nimmt ein Klang ein? Sind es Wellen? Ist es eine Kugel? Eine Öffnung wie bei einer Blume?“

Die Frage nach der Art des Klangs impliziert auch die Frage nach dem Nichtklang, der Pause, und auch dieser Gedanke wird in seinem Spiel hörbar gemacht. So lässt er etwa im dritten Satz der Fantasie op. 17 von Robert Schumann (Claves CD 1003/1004) den A-Dur-Akkord am Schluss des ersten Teils extrem lange, bis zur Stille ausklingen – der Hörer wird auf sich selbst zurückgeworfen.

Ein richtiges Fest des Klavierklangs feiert Francesco Piemontesi auf der CD Bach Nostalghia (Pentatone 5186 846) mit Originalwerken Bachs und Bearbeitungen von Ferruccio Busoni, Wilhelm Kempff und Maximilian Schnaus.

J.S. Bach: Fuge Es-dur BWV 552 (Transkription Ferruccio Busoni)

Er wollte der vorherrschenden Aufführungspraxis mit historischen Instrumenten etwas Eigenes, das vom Klavier her gedacht ist, entgegenstellen, sagt Piemontesi. Historisch informiert sind die Aufnahmen gleichwohl, nur setzen sie eben an einem späteren Zeitpunkt der Bach-Rezeption an. Das Album ist ein schöner Beweis für die zeitlose Wandlungsfähigkeit von Bachs Musik und stellt obendrein eine Liebeserklärung an den modernen Flügel mit seinen reichen Klangmöglichkeiten dar.

Piemontesi und die Alchemie des Klaviers
Blu-ray und DVD "Die Alchemie des Klaviers". Francesco Piemontesi in der Villa Senar
Bild: Rachmaninoff in der Villa Senar

Francesco Piemontesi, der heute in Berlin lebt, ist nicht nur ein vielbeschäftigter Solist mit jährlich rund hundert Auftritten in aller Welt, sondern auch Co-Autor und Protagonist in der fantastischen, von Jan Schmidt-Garre produzierten Dokumentation Die Alchemie des Klaviers (Naxos Blu-ray NBD0186V, auch DVD).

Gedanklicher Ankerpunkt des Films ist Sergei Rachmaninoffs Klavierstil, Aufnahmeort unter anderem die Villa Senar am Vierwaldstättersee. Piemontesi spürt darin den rational schwer fassbaren Ingredienzien der hohen Kunst des Klavierspiels nach und befragt dazu eine Reihe illustrer Musiker. Maria João Pires beschreibt, wie bei ihr die Energie vom Rücken in die Fingerspitzen fliesst, mit Alfred Brendel unterhält er sich über interpretatorische Details in Schuberts später B-Dur-Sonate, mit Stephen Kovacevich diskutiert er Anschlagsnuancen.

Der Dirigent Antonio Pappano, auch ein vorzüglicher Pianist, demonstriert am Beispiel von Chopins Ballade in g-Moll die Geheimnisse einer gesanglichen Melodiegestaltung („wie bei Puccini“), während die Sängerin Ermonela Jaho am Beispiel des Gebets der Desdemona aus Otello ihr unvergleichliches Legato mit der Idee verbindet, dass etwas nie enden soll. Das Pianissimo in höchster Lage erreicht sie, indem sie sich mit dem Atemhauch und nicht dem materiellen Klang identifiziert – Autosuggestion der sublimsten Art, für Pianisten ebenso inspirierend wie schwer umsetzbar.

Hochgradige Vergeistigung spricht auch aus den Ausführungen von Jean-Rodolphe Kars, der als Jude zum Christentum konvertierte, seine Pianistenkarriere aufgab und sich mit 39 Jahren zum Priester weihen ließ. Beim Besuch im burgundischen Kloster diskutiert Piemontesi mit ihm über die Macht der Bilder beim Klavierspiel. Mit dem ersten Nocturne von Gabriel Fauré, sagt Kars, assoziiere er zum Beispiel den 1. Johannesbrief: „Wir verkünden euch das ewige Leben.“ Aus dieser Vorstellungswelt schöpfe er die Farbe und Tiefe des Klavierklangs.

Festivalintendant und Kammermusiker

Dreizehn Jahre lang hat Francesco Piemontesi die 1946 gegründeten Settimane musicali di Ascona geleitet, eines der ältesten Musikfestivals der Schweiz; die letzte von ihm programmierte Ausgabe ging nun 2025 über die Bühne. Er machte es zu einem Künstlerfestival, wo neben den Orchesterkonzerten eine wechselnde Schar befreundeter Musikerinnen und Musiker in unterschiedlichen Kammermusikformationen oder solistisch auftraten. Die unvollständige Liste der Mitwirkenden umfasst Namen wie Yulianna Avdeeva, Isabelle Faust, Marc-André Hamelin, Pierre-Laurent Aimard, Alisa Weilerstein, Sonia Wieder-Atherton, Augustin Hadelich, das Quartetto Modigliani und das Gringolts Quartett.

Das gemeinsame Musizieren verlieh dem Festival eine besondere Note, und der begeisterte Kammermusiker Piemontesi mischte sich natürlich auch immer unter die Ausführenden. Seine künstlerischen Ideen haben das Gesicht des Festivals nachhaltig geprägt. Bei seinen Abschiedskonzerten mit Beethovens fünftem Klavierkonzert und als Kammermusiker mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Cellistin Sonia Wieder Atherton verabschiedete ihn das Publikum mit Standing Ovations. Man darf gespannt sein, wie Piemontesis Nachfolger, der Basler Kulturmanager Christoph Müller, sein Erbe weiterentwickelt.

Der Text ist mit geringfügigen Änderungen auch in der Schweizer Musikzeitung Nr. 11-12/2025 erschienen.

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