90 Jahre Orchestra della
Svizzera italiana

Das Orchestra della Svizzera Italiana mit dem Dirigenten Enrico Onofri

Das Orchestra della Svizzera italiana (OSI) feierte am 16. Oktober 2025 mit einem Festkonzert und einer Buchveröffentlichung sein neunzigjähriges Bestehen. Auf dem Programm standen vier Werke mit einem engen Bezug zum Orchester. Den Beginn machte die Ouvertüre „Campo Marzio“ (1937) von Ernst Krenek, benannt nach dem Quartier in Lugano, wo damals das Radio seinen Sitz hatte.

Krenek bezog sich auch musikalisch auf den Ort der Uraufführung. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er, dass er „einige der charakteristischen Glockentonfolgen verwendete, die man überall im Kanton Tessin hören konnte, wenn in den Kirchtürmen die Räder gedreht wurden, an denen die Glocken befestigt waren“. Auf Krenek folgten ein klassizistisches Divertimento des Dirigenten und Komponisten Otmar Nussio, der ab 1938 dreissig Jahre als Chefdirigent das OSI geleitet und es zu einem bedeutenden Klangkörper geformt hatte, sowie die Uraufführung des gewitzten Divertissement Mélancomique; ein hausgemachtes Werk, komponiert vom Geiger Duilio Galfetti und instrumentiert von seiner Orchesterkollegin Katie Vitalie. Den Schluss bildete eine fulminante Interpretation von Beethovens Fünfter, die 1935 die ersten Konzerte des Orchesters eröffnet hatte. Unter der Leitung von Enrico Onofri, italienischer Spezialist für Alte Musik, zeigte sich das Orchester in bester Musizierlaune. Videostream

Die identitätsbildende Rolle des OSI für die Region
Leitungspersonen des Orchestra della Svizzera Italiana - OSI
Stiftungspräsident Postizzi und Barbara Widmer, Künstlerische Leiterin des Orchestra della Svizzera italiana

In seiner einleitenden Rede zum Konzert unterstrich der Präsident der Orchesterstiftung Mario Postizzi die wichtige kulturelle Funktion, die das Orchestra della Svizzera italiana für die italienische Schweiz besitzt. Es ist das einzige Sinfonieorchester im Kanton Tessin und residiert im 2015 eröffneten Kulturzentrums LAC (Lugano Arte e Cultura), gastiert aber auch in Schulen und in den Tessiner Regionen sowie im angrenzenden italienischsprachigen Teil des Kantons Graubünden. Mit seinem gesellschaftlichen Engagement, so Postizzi, leiste es einen bedeutenden Beitrag zur kulturellen Identität des Kantons Tessin. Wird dieser doch oft nur als Tourismusdestination wahrgenommen und muss sich bis heute seinen eigenen Platz zwischen Italien und der Deutschschweiz suchen.

Gastdirigenten von Mascagni bis Strawinsky und Celibidache

Das OSI, bis 1991 das hauseigene Orchester von Radio Svizzera italiana (RSI), pflegte eine langjährige Zusammenarbeit mit bedeutenden Komponisten als Dirigenten ihrer eigenen Werke. Den Beginn machte 1937 Ernst Krenek, ihm folgten Pietro Mascagni (1938), Artur Honegger und Richard Strauss (1947). Igor Strawinsky war gleich zweimal beim OSI zu Gast, 1954 und 1955. Auf der Liste der Gäste figurieren auch Leopold Stokowski und Sergiu Celibidache. Viele der frühen Aufnahmen sind leider nicht mehr vorhanden, sie sollen 1962 beim Umzug des Radios in die neuen Gebäude „entsorgt“ worden sein. Die jüngere Vergangenheit ist besser dokumentiert. So das 2002 gegründete Progetto Martha Argerich, in dem das OSI eine zentrale Rolle spielte. Unvergesslich das Konzert vom 24. Juni 2016 unter der Leitung von Diego Fasolis, in dem neben Argerich auch Cecilia Bartoli auftrat.

Chefdirigent nach Nussio war ab 1968 dreissig Jahre lang Marc Andreae. Die Idee des Chefdirigenten wurde jedoch nach 1991 fallen gelassen und dafür der Posten des „direttore principale“ auf Zeit eingerichtet, den zuletzt Markus Poschner innehatte. Andere Gastdirigenten auch mit längerer Verpflichtung waren Serge Baudo, Michail Pletnev, Vladimir Ashkenazy und gegenwärtig Krzysztof Urbański.

Diese und andere Daten aus Geschichte und Gegenwart des Orchesters finden sich, verstreut zwischen vielen Details, im nun vorgestellten Buch von Lorenzo Sganzini Il respiro dell’orchestra (Der Atem des Orchesters). Gegründet 1935 mit einer Besetzung von 25 Mann als „Orchester von Radio Monte Ceneri“, vergrößerte sich das OSI schrittweise und erhielt 1962 seinen festen Proben- und Auftrittsort im neuen, radioeigenen Auditorio Stelio Molo, bis heute ein gesuchter Ort für Tonaufnahmen.

Auszeichnung der ICMA für das Orchestra della Svizzera italiana

Auch Manfred Eicher produziert hier viele seiner CDs für ECM. Seine Produktion mit dem Orchester unter Markus Poschner mit Werken von Alfred Schnittke und Paul Hindemith und mit der Solistin Anna Gourari errang bei den International Classical Music Awards (ICMA) 2025 den Preis in der Kategorie Gemischte Aufnahmen.

Als sich das Radio 1991 vom OSI trennte, wurde als neue Trägerschaft eine staatliche Stiftung mit einem gesellschaftlich breit abgestützten Aufsichtsgremium gegründet. Damit übernahm das Orchestra della Svizzera italiana die erwähnte Rolle als identitätsbildende Institution in der italienischen Schweiz, die es seither sowohl in musikalischer als auch organisatorischer Hinsicht mit viel Einfallsreichtum ausfüllt. Dem hundertjährigen Jubiläum kann man unbesorgt entgegenblicken.

Orchestra della Svizzera italiana: Webseite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.