Bei der Avant Première der internationalen Musikfilm-Industrie gibt es viel Neues nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Die Tagung, an der jährlich einige hundert Produzenten, Labelvertreter, Fernseh- und Vertriebsleute teilnehmen, gibt nicht nur einen breiten Überblick über die neuesten Produktionen in den Bereichen Klassik, Ballett und Jazz, sondern auch einen Einblick in die rasant sich verändernde Technik der Aufzeichnung und Bearbeitung von bewegten Bildern.
KI als Arbeitsinstrument
Ein Schwerpunkt war in diesem Jahr der Rolle der Künstlichen Intelligenz in der Musikfilmproduktion gewidmet.
Neben der Anwendung der generativen KI, die aufgrund der Plünderung urheberrechtlich geschützter Musikwerke zu weltweiten Protesten und bereits zu ersten Gerichtsverfahren geführt hat, hat sich im Bereich des Musikfilms eine andere, bisher kaum beachtete Anwendungsform von KI herausgebildet, die rein instrumentellen Charakter besitzt: die Automatisierung der Multikameratechnik bei Konzertaufnahmen. Eine Software liest die Orchesterpartitur und programmiert anhand der Instrumentaleinsätze automatisch die Kameraeinstellungen und Schnitte. Mit Folgen für das Personal: Der Bildregisseur wird zum KI-Assistenten degradiert und für die Kameraleute heißt es: Tschüss.
In Berlin waren zwei Firmen anwesend, die diese neue Technik bereits praktizieren: OnstageAI, entwickelt in Warschau, mit Niederlassung in New York und Investoren aus Polen und den USA, sowie Notation AI aus Kalifornien. In der Vermarktung hat OnstageAI offenbar die Nase vorn. Diese Software wird bereits bei renommierten Festivals und Orchestern eingesetzt, vor einem Jahr schon beim Lucerne Festival und aktuell gerade beim Chicago Symphony Orchestra.
Was die Miete und Einrichtung der ganzen Anlage angeht, so hält sich Jakub Fiebig, CEO von OnstageAI, bedeckt. Doch wie man hört, sollen Software und fünf oder mehr Kameras (Sony FR7, Kaufpreis rund 10.000 Euro pro Stück) je nach Aufwand pro Tag zehn- bis zwanzigtausend Euro kosten, was offenbar preisgünstiger ist als die bisherigen Verfahren.
Der ökonomische Nutzen ist damit klar. Über den ästhetischen Nutzen gingen die Meinungen auf dem Panel jedoch auseinander. Hier die Skepsis gegenüber einer sich selbst regulierenden Apparatur („Ich setze mich auch nicht gern in ein selbstfahrendes Auto“, meinte ein erfahrener Videoregisseur), dort das Argument, sie erspare die arbeitsintensive Vorbereitung – bei einer Konzertaufnahme müssen Hunderte von Kameraeinstellungen vorab festgelegt und in den Computer abrufbereit eingespeichert werden; außerdem ließen sich die automatisierten Schnittfolgen in der Postproduktion ja noch beliebig verändern. Das Pro und Contra wird wohl noch eine Weile andauern, die Fakten sind aber gesetzt und entscheiden werden letztlich die Kosten.
Der Musikfilm und die Social Media
Ein weiteres aktuelles Thema geisterte durch die Meetings und Podiumsdiskussionen der Avant Première: die Rolle der Social Media für den Musikfilm. Lautete die Grundfrage ursprünglich „Wie bringe ich die Musik ins Bild“, so heißt es heute öfters: „Wie bringe ich mein Produkt auf Tiktok?“ Diese Frage wurde gleich im Eröffnungspanel diskutiert. Auf dem Podium saß unter anderem die sympathisch bescheidene Mezzosopranistin Aigul Akhmetshina, die ihre Karriere vor bald einem Jahrzehnt als bisher jüngste Carmen an Covent Garden begonnen hat; sie war damals gerade einundzwanzig Jahre alt.
Sie sprach von ihren Erfahrungen mit den Social Media und erläuterte, wie die Vermarktung in den sozialen Medien funktioniert: mit Probenschnipseln, Backstage-Aufnahmen, Hilfe von Influencern und Kurzinterviews. Vorzugsweise in einer Alltagssituation und ohne Make-up. Und alles möglichst authentisch. Die Sängerin erwähnte auch die Belastungen, denen die Künstler dabei ausgesetzt sind und warnte vor einem Zuviel: es könnte kontraproduktiv wirken.
In der European Broadcasting Union (EBU), bekannt vor allem als Träger des European Song Contest, hat man im Klassikbereich die sozialen Medien inzwischen auch entdeckt. Ihr Vertreter auf dem Podium blieb diesbezüglich aber vage und schwärmte lieber von den tollen Festivals und Opernaufführungen, die er als öffentlich-rechtlicher Funktionär besucht hat. Er pries in hohen Worten die Diversität der europäischen Kultur, beklagte den Vandalismus der Digitalkonzerne und nannte die Kooperation der TV-Sender mit Youtube nützlich. Die Präsenz der europäischen Musikkultur in der Welt sah er beispielhaft durch Events wie das Concert de Paris vor dem Eiffelturm oder das Wiener Neujahrskonzert verwirklicht.
Global präsent: Stingray
Bei Stingray, einer weltweit tätigen, börsennotierten Distributionsfirma aus Kanada, klingt das anders. Instagram, Facebook, Tiktok? Kein Problem, sagt Valerie Heroux im persönlichen Gespräch, die Werbung in den sozialen Medien sei normaler Alltag. Die Vizepräsidentin im Unternehmensbereich Content ist zum Einkauf nach Berlin gekommen. Als besonders wirksam bezeichnet sie die Kurzinterviews mit den Künstlern, die über ihre privaten Social Media- zudem ihre eigene Anhängerschaft mobilisieren können.
Stingray ist ein instruktives Beispiel für die globalen Vertriebswege der Musik. Das sauber lizenzierte Angebot in Audio und Video reicht von Klassik über Jazz und Rock bis Wellnessmusik und Karaoke. Zu empfangen ist es über eine eigene Streaming-App, über Amazon Prime und über 33.500 lokale Medien in 160 Ländern als Verteilstationen. Vier Fünftel des Umsatzes werden on demand und der Rest über lineare Sender erwirtschaftet. Der größte Markt für Stingray sind die USA, gefolgt Lateinamerika, wobei das internationale Repertoire stets durch Angebote mit lokalen Künstlern ergänzt wird.
Europa, sagt die Französischkanadierin Heroux, ist aufgrund seiner sprachlichen und kulturellen Vielfalt ein schwierigeres und darum kostenintensiveres Terrain. Doch mit hochkarätigen Konzert- und Opernaufnahmen sowie mit anspruchsvollen Dokumentationen ist Europa im weltweiten Angebot von Stingray gut vertreten. Der Einstieg des Unternehmens ins Klassikgeschäft erfolgte 2015 mit dem Kauf des niederländischen TV-Senders Brava und 2017 mit der Übernahme des weltweit aktiven Sender Classica von Unitel, ehemals im Besitz von Leo Kirch.
Solche globalen Player im Klassikbereich fehlen in Europa, da hilft auch keine EBU. Zwar haben Portale wie medici.tv oder, im Audiobereich, Spotify eine respektable Reichweite, und viele Opern- und Konzerthäuser vermarkten heute ihre Produktionen im Netz selbst.
Großer Reichtum an Dokumentationen
Stark ist Musikeuropa vor allem im Produktionsbereich. Das hat sich auch diesmal wieder im Angebot gespiegelt. Der Großteil der in Berlin gehandelten, über fünfhundert Neuproduktionen war europäischen Ursprungs.
Unter den Showreels mit Neuerscheinungen stach diesmal besonders die große Anzahl hervorragend gemachter Dokumentationen hervor. Etwa das Porträt der großartigen Brigitte Fassbaender und die Reportage über die lebensfrohe und zugleich geschichtsbewusste Musikszene in Polen bei EuroArts. Oder das Porträt zum hundertsten Geburtstag des linken Bonvivants Hans Werner Henze und „Die siebente Kugel trifft“, ein frischer Blick auf Carl Maria von Webers „Freischütz“, beides produziert von Sounding Images. Das fabelhafte, aus Musikern aus Ost und West zusammengesetzte Hong Kong Philharmonic Orchestra präsentiert sich im architektonisch supermodernen Konzertsaal mit Bruckner, Wagner und dem Klavierkonzert von Grieg; als Zugabe spielt Lang Lang mit dem jungen Dirigenten Tarmo Peltokoski vierhändig einen Ungarischen Tanz. Die Koproduktion mit der Deutschen Grammophon lag in den Händen des erfahrenen Salzburger Produzenten Bernhard Fleischer.

Mit zwei in Arbeit befindlichen Eigenproduktionen stellte sich das noch nicht lange existierende, auf Topniveau musizierende Swiss National Orchestra vor: Bruckner Dritte, live aufgenommen in Rom, und „Pastorale d’été“ von Arthur Honegger, beides originell und für Orchesteraufnahmen untypisch bebildert.

Bemerkenswert sodann auch „30 Shades of Dance“, eine faszinierende Folge von charakteristischen Tanzszenen, produziert im Nationalen Tanztheater Budapest, sowie der Beitrag von Poorhouse International zum Beethoven-Jahr 2027, der auf den Spuren der forensischen Forschung das gängige Bild des „ersten Superstars der Musik“ dekonstruiert.

Als Fazit der Avant Première 2026 kann man festhalten: An kreativen Produktionen fehlt es nicht. Jetzt müssen die öffentlich-rechtlichen Sender nur noch ihrem Bildungsauftrag nachkommen und sie dem Publikum zugänglich machen. Die Welt der Musik besteht nicht nur aus Neujahrskonzerten, Echo-Preisverleihung und sommerlichen Massenevents, sei es Klassik vor dem Eiffelturm oder ohrenbetäubende Rockmusik mit armeschwenkenden Fans bis zum Horizont.
Die Musikfilm-Avant Première hat sich in diesem Jahr von Berlin verabschiedet, wo sie seit 2014 stattgefunden hat; davor war sie lange Jahre an die MIDEM in Cannes angebunden. Ab 2027 heißt dann der Veranstaltungsort Wien. Hier befindet sich auch der institutionelle Träger der Avant Première, das Internationale Musik+Medienzentrum Wien (IMZ).
siehe auch:
Trends in Fernsehen, Streaming und DVD (2017)
Avant Première 2018
Das Klassikmuseum in 4K (2019)
Kleine Geschichte des Musikfilms
Brian Large, a Pioneer of Music Film (2026)
Eine Zweitversion dieses Textes ist erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.2.2026.