Am 11. August wurde im New National Theatre Tokyo die neue Oper Natasha von Toshio Hosokawa uraufgeführt. Mit dem Libretto von Yoko Tawada stellt sie eine moderne Lesart des Inferno aus der Divina Commedia von Dante dar. Ein Dreipersonenstück, in dem Natasha und Arato von Mephistos Enkel durch sieben Kreise unserer Zivilisationshölle geführt werden.

Bevor im Opera Palace das Saallicht ausgeht, erscheint im Bühnendisplay die Mitteilung: „This theatre is earthquake-safe. Remain seated until instructed.“ Wir sind in Japan, genauer, in Tokio, und hier wird „erdbebensicher“ gebaut. Also keine Panik. Von einer Probe aufs Exempel bleiben wir an diesem Tag aber verschont.
Der Opera Palace, Schauplatz der Uraufführung von Natasha, der neuen Oper von Toshio Hosokawa, ist mit seinen 1800 Plätzen und seiner hervorragenden Akustik der größte von drei Theatersälen des vor 28 Jahren eröffneten New National Theatre Tokyo. Der weiträumige Gebäudekomplex mit seinen grosszügig bemessenen Aufgängen und Foyers, in denen man sich leicht verlaufen kann, beherbergt ausserdem Probenräume, eine Ausbildungsstätte für den Nachwuchs, ein audiovisuelles Informationszentrum mit Bibliothek und Restaurants. Das Dreispartenhaus ist ausschließlich auf die zeitgenössischen Künste ausgerichtet und laut Eigenwerbung die bedeutendste Einrichtung ihrer Art in ganz Ostasien.
Natasha wurde im Frühjahr 2025 fertig, so dass das New National Theatre die Produktion rechtzeitig im Hinblick auf Hosokawas siebzigsten Geburtstag im Oktober ansetzen konnte. Mit der Komposition hatte Toshio Hosokawa bereits 2019 begonnen, die Arbeit während der Covidjahre jedoch liegenlassen. Sie war begleitet von einem ständigen Gedankenaustausch mit dem Regisseur Christian Räth und Kazushi Ono, dem Dirigenten der Uraufführung und Widmungsträger des Werks.

Japanische Vorstellungen von Klang und Zeit
Hosokawa komponierte Natasha für ein europäisches Sinfonieorchester, das in einigen Szenen durch Saxofon, E-Gitarre sowie durch Stimmen und Geräusche aus den Saallautsprechern erweitert wird. Zugleich schimmert darin ein japanisches Verständnis von Klang und Zeit durch. Die Natur mit ihren Geräuschen und vor allem das Meer sind für Toshio Hosokawa Verkörperungen des zeitlos Seienden, von dem sich die Zeitlichkeit der menschlichen Aktivitäten abhebt; zur Erläuterung verweist er gerne auf die Haikus des Dichters Matsuo Bashō aus dem 17. Jahrhundert. In der 2018 in Hamburg uraufgeführten Oper Stilles Meer spielt das Meer sogar eine Hauptrolle als die vom Menschen verletzte Natur, die sich mit einem Tsunami rächt. Auch in Natasha wird es gleich zu Beginn prominent beschworen. Aus seinem geheimnisvollen, mit vielsprachigem Geflüster gemischten Rauschen entwickeln sich die musikalischen Gestalten und die Handlung.
Auch im Libretto der in Berlin lebenden japanischen Autorin Yoko Tawada durchdringen sich Ost und West; sie schreibt in japanischer und deutscher Sprache und siedelt ihre Erzählungen oft im Spannungsfeld der beiden Kulturen an. Ihr Libretto, eine gegenwartsbezogene Paraphrase von Dantes Inferno, bildet einen Katalog der zivilisatorischen Scheusslichkeiten unserer Epoche. Natasha und Arato, die beiden Hauptfiguren, sind zwei Bootsflüchtlinge, die sich am Meeresufer begegnet sind. Er singt in japanischer Sprache, sie auf Deutsch und, mit aktuellem Bezug, auf Ukrainisch; auch andere Idiome klingen gelegentlich an. Die dritte Hauptfigur, Mephistos Enkel, ist ein moderner Zyniker und Nihilist, der gerne auch mal seinen Grossvater aus Goethes Faust zitiert. Eine durchaus vertraute Erscheinung, man trifft sie heute millionenfach multipliziert in den sozialen Medien an.
Der Gang durch sieben Höllenkreise
Mephistos Enkel ist der Wiedergänger des Vergil aus Dantes Inferno, er führt die beiden Heimatlosen hinunter in die sieben Höllenkreise unserer dystopischen Gegenwart. Diese sind der Reihe nach: die Hölle der entlaubten Wälder, die knallbunte Plastikhölle des Vergnügens, die Fluthölle, die stupide Businesshölle, die Sumpfhölle der politischen Parolen und Agitatoren, die Feuerhölle der Umweltzerstörung und als letzte Konsequenz die Hölle der absoluten Dürre.

Der bevorstehende Untergang des Planeten scheint in Natasha beschlossene Sache zu sein. Doch die Negativspirale findet eine Gegenkraft in der langsam erwachenden Liebe zwischen Arato und Natasha. Sie verleiht ihnen die nötige Stärke, um den äusseren Bedrohungen zu widerstehen, und macht sie auch immun gegen die Attacken von Mephistos Enkel auf ihr Innenleben.

Der Polystilist Toshio Hosokawa
In seiner Musik zu diesem Bilderbogen des Schreckens präsentiert sich Toshio Hosokawa – ungewohnt für ihn – als genuiner Polystilist. Die Vergnügungshölle charakterisiert er durch grelle, teilweise improvisierte popmusikalische Klänge; Masanori Oishi (Saxofon) und Gaku Yamada (E-Gitarre) können hier einen fulminanten Auftritt als kleine Springteufel hinlegen. Den roboterhaft agierenden Businessmenschen sind monotone Minimalismus-Muster zugeordnet. Über weite Strecken dominiert in Natasha jedoch ein vorwiegend mit Kurzmotiven, Heterophonien und Akkordschichtungen gearbeiteter katastrophischer Tonfall, aus gegebenem Anlass harmonisch gewürzt mit dem allgegenwärtigen Tritonus, dem „diabolus in musica“.
Die dissonante Spannung löst sich in den letzten beiden Szenen auf. Angekommen am tiefsten Punkt der Hölle und erschöpft von den erlebten Schrecken, erfährt das Paar die rettende Kraft der Liebe. Den Umschlagpunkt markiert ein Duett in reinem Moll. Die Melodie, im Kern eine absteigende Viertonfolge, klingt mit ihrer zeichenhaften Schlichtheit und ihrem feierlichen Ernst fast wie von Händel erfunden. Auch mit den permanenten Tritonusklängen ist jetzt endlich Schluss, und das Unzulängliche, hier wird’s nun Ereignis: Zu den langsam erlöschenden tonalen Klängen entschwebt das Paar in den Bühnenhimmel und vielleicht in jene andere Wirklichkeit, für die zu Beginn der Oper das Meer als klingende Metapher stand.

Umweltbesorgte dürften das angesichts der dargestellten desaströsen Zustände als Flucht in eine schöne Utopie abtun, aber hier geht es ja um Kunst und nicht um Umweltpolitik. Auch Wagner hat am Schluss des Tristan bekanntlich diesen Notausgang in eine andere Wirklichkeit, wo sich alles in Wohlklang auflöst, genommen. Ein utopisches Moment ist im Libretto zu Natasha übrigens schon an der Mehrsprachigkeit festgemacht: Der Traum von einem friedlichen Zusammenleben aller Menschen ungeachtet ihrer kulturellen Herkunft. Er bleibt ein frommer Wunsch – die individuelle Dreierkonstellation der Oper und die alles dominierende Höllenthematik stehen dem entgegen.
Natasha, eine japanisch-europäische Koproduktion
Japanisch-europäisches Miteinander auch auf der Ebene der Intepreten: Die Altistin Hiroka Yamashita in der Hosenrolle des Arato, Ilse Eerens (Sopran) als Natasha und der Bariton Christian Miedl als Mephistos Enkel waren die herausragenden Protagonisten, dazu kamen einige kleine Nebenrollen, der fabelhafte Chor des New National Theatre und eine Gruppe akrobatischer Tänzer.
Neben der packenden musikalischen Realisierung durch Solisten, Chor und das Tokyo Philharmonic Orchestra unter Kazushi Ono war es zweifellos das suggestive Bühnenbild von Daniel Unger und Christian Räth (letzterer war auch für die Regie verantwortlich), das die Aufmerksamkeit des Publikums fesselte. Die in düsteren Grautönen gehaltenen Videos von Clemens Walter, die aus drei Richtungen auf gestaffelte Gazevorhänge und bewegliche Seitensoffitten projiziert wurden, erzeugten die Illusion von großen Räumen, die sich sekundenschnell verändern konnten. Das erlaubte fließende Szenenübergänge und verschaffte der Regie den nötigen Raum für die vielen Massenszenen mit Chor und Tänzern.
Visuelle Glanzpunkte setzte Mattie Ullrich mit ihren fantastischen Kostümen in der Vergnügungshölle, nachhaltigen Eindruck hinterliess das in mystisches Licht (Rick Fisher) getauchte Schlussbild, in dem sich die Zeit gleichsam zur Ewigkeit dehnt. Somit machte die Aufführung auch fürs Auge einiges her. Sie bildete einen gelungenen Beitrag zum interkulturellen Dialog und fand beim japanischen Publikum großen Zuspruch. Den stärksten Applaus erhielt der Komponist.

New National Theatre, Tokyo
siehe auch: Stille und Klang: Toshio Hosokawa