Klaus Huber, biografisch seziert

Klaus Huber Biografie "Welt im Werk"

Eine Biografie über Klaus Huber zu schreiben ist kein leichtes Unterfangen. Die Persönlichkeit des 2017 verstorbenen Komponisten war ebenso, sagen wir mal, problemorientiert wie sein von produktiven Widersprüchen und Brüchen durchzogenes Schaffen. Als erste hat nun Corinne Holtz den Versuch gewagt.

Für ihre Biografie hat die Autorin eine eigenwillige Form gewählt: Vier der acht Kapitel sind aus der Ich-Perspektive des Komponisten geschrieben, was ihn in eine fast intime Nähe zum Leser rückt. Das sieht zunächst nach literarischer Fiktion aus, wird aber mit zahllosen Fußnoten weitgehend korrekt dokumentiert. Das zusammengesetzte Ich, das so entsteht, ist ein Puzzle aus schriftlichen und mündlichen Äußerungen Hubers, aus Briefen, Tagebuchnotizen und Gesprächen mit den Nachkommen. Vieles davon ist unveröffentlicht.

Akribische Recherchen und pikante Details

Mit ihren akribischen Recherchen beförderte Corinne Holtz auch viel Privates aus Hubers Leben ans Tageslicht, gewürzt mit einigen pikanten Details, von denen bisher kaum etwas über den Familien- und engeren Freundeskreis hinaus in die musikalische Öffentlichkeit gelangt ist. Seine Tochter Katharina Rikus hatte dafür bereitwillig das Familienarchiv geöffnet. Bei der Darstellung seiner nicht immer einfachen Beziehung zu anderen Menschen und vor allem zu Frauen – er war dreimal verheiratet – macht die Autorin aus ihrer dezidiert weiblichen Parteinahme keinen Hehl. Aufschlussreich ist der Teil über seine Kindheit und Jugend, die durch einen strengen und keineswegs vorbildlichen Vater dominiert wurden – ein klassisches Über-Ich, von dem sich der kompositorische Spätstarter nie ganz befreien konnte.

Hubers problembeladene Künstlerexistenz und sein soziales Verhalten werden von Corinne Holtz auf psychologisch ebenso hellhörige wie schonungslose Weise seziert. Dieser genaue Blick zeigt sich auch in der Beschreibung der Werke, und auch hier stützen sich die Ausführungen vor allem auf ein umfassend recherchiertes Quellenmaterial. Beim Lesen gewinnt man aber manchmal der Eindruck, die Werke seien bloß der Aufhänger für die biografische Erzählung. Bei eine Künstlerbiografie könnte das Verhältnis in der Darstellung von Werk und Person ruhig etwas ausgewogener sein. Breiten Raum nimmt einzig die Oper Schwarzerde ein, deren Produktion am Theater Basel 2001 die Autorin journalistisch begleitete.

Gelegentlich werden die recherchierten Daten mit konkreten, fast reportagehaft wirkenden Beschreibungen ergänzt, was die Darstellung auflockert und der Lektüre eine unterhaltsame Note verleiht. Das kann auch leicht satirische Züge annehmen, etwa bei der Beschreibung der pannenreichen Einstudierung von Hubers theatralischen Versuch Im Paradies oder Der Alte vom Berge nach Alfred Jarry, uraufgeführt 1975 im Theater Basel. Die Autorin erwähnt hier – mit genauer Quellenangabe, versteht sich – auch den vom Dirigenten Jürg Wyttenbach kolportierten Wutausbruch des Komponisten, der bei der Probe ein volles Teeglas in Richtung Orchestergraben geworfen haben soll.

Großer Faktenreichtum, aber keine umfassende kritische Würdigung des Werks

Insgesamt werden die Werke vor allem von ihrem Entstehungs- und Rezeptionsprozess her zur Darstellung gebracht, was sprachlich versiert und für den Leser gut nachvollziehbar geschieht. Was auffällt: Hubers Musik ist für die Autorin ein Gegenstand, den sie aus kalter Distanz begutachtet; dass sie sich von den sprachmächtigen Klängen auch subjektiv angesprochen fühlen könnte, erfährt man nicht. Und was in der überwältigenden Fülle der Details auch unterzugehen droht, ist der Blick auf das große Ganze: eine zusammenfassende kritische Würdigung der persönlichen Ästhetik von Klaus Huber sowie der geistigen Dimensionen seines Riesenwerks, das bei allen tiefgreifenden Wandlungen von einem durchgehenden, christlich eingefärbten Denken wie von einem Cantus firmus durchzogen ist.

Das Streben nach Transzendenz, das Hubers gesamtes Werk mit einer charakteristischen Grundspannung erfüllt, die provokante, manchmal geradezu verletzende Kompromisslosigkeit, mit der er seine Botschaften zum Klingen brachte, die einzigartige Synthese von Geschichtsbewusstsein und Zeitgenossenschaft, die Verknäuelung von erzieherischen, religiösen und politischen Reflexionen, die, rhetorisch zugespitzt, seinen Werken oft einen messianischen Tonfall verleihen – all das hätte, exemplifiziert am einzelnen Werk, eine vertiefte Diskussion unbedingt verdient.

Spurensuche zum Thema Nazis in der Schweiz

In einem ganzen Kapitel, vermutlich ein Beifang ihrer Recherchen in der Basler Sacher-Stiftung, betreibt Corinne Holtz dafür Spurensuche zum Thema Paul Sacher und die Nazis, was etwas nach dem unter Schweizer Kulturlinken gepflegten Moralsozialismus riecht und im Rahmen dieser Komponistenbiografie wie ein Fremdkörper wirkt. Vielleicht war sie von Hubers latent missionarischem Eifer angesteckt, vielleicht verstand sie das Kapitel als Exkurs zu seinen Schulerfahrungen mit einem nazifreundlichen Lehrer. Aber es lenkt letztlich vom Thema nur ab.

Über hundert Seiten, glatt ein Drittel des Buches, nimmt die umfangreiche Dokumentation mit Anmerkungen, Quellen und Literaturverzeichnis ein. Eine gewaltige Fleißleistung mit Vollständigkeitsanspruch, der aber in einem so komplexen Fall wie Huber wohl nie ganz eingelöst werden kann. Nur rudimentär dokumentiert sind zum Beispiel die vielen Radiofeatures vor allem aus den deutschen Sendern. Aber das tut der faktenreichen Biografie keinen Abbruch.

Nachtrag

Der Umgang mit audiovisuellen Quellen ist ein allgemeines Problem in Bibliografien. Bei Radiobeiträgen ist die Wahrnehmung eine andere als bei Print, Musik und Persönlichkeit eines Komponisten erscheinen nahbarer und facettenreicher. Doch sie sind schlechter auffindbar, weil in keinem Bibliothekskatalog vorhanden, und ihre Inhalte sind, wenn kein Manuskript vorliegt, umständlich zu erschließen. Außerdem sind sie nicht an beliebig vielen Bibliotheken, sondern in der Regel nur an ihrem ursprünglichen Sendeort zugänglich – zumindest so lange sie nicht wie heute der Musikfilm per Streaming abgerufen werden können. Aus all diesen Gründen gelten sie – trotz wertvoller Inhalte wie Originalton-Interviews oder Höranalysen – in ihrem Erkenntniswert leider vielerorts noch immer als wissenschaftlich minderwertig.

Corinne Holtz: Welt im Werk. Klaus Huber (1924–2017). Eine Biografie. Schwabe: Basel 2024, 309 S. ISBN 978-3-7965-5148-2

Eine Kurzfassung dieser Rezension ist erschienen in der Schweizer Musikzeitung (SMZ) Nr. 2 / 2026, S. 23.

Siehe auch:
Klaus Huber, ein Schweizer Komponist
Abschiedsgruß für Klaus Huber (Trauerrede, 2017)

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